Leitfaden im Umgang mit Bettlern

Weil sich viele Menschen unsicher sind, wie man sich gegenüber Bettlern verhalten sollte, hat die Kölner Caritas jetzt einen Leitfaden herausgegeben. Finden Sie hier die wichtigsten Fragen im Überblick.

Leitfaden im Umgang mit Bettlern (Foto: SAT.1 NRW)

 Bild: SAT.1 NRW,

Soll man bettelnden Menschen Geld geben?
Warum nicht? Auch auf die Gefahr hin, dass der bettelnde Mensch Alkohol oder andere Suchtmittel kauft und nicht etwas zu essen, so wie ich es mir vorstelle. Menschen, die auf der Straße leben, haben oftmals Suchtprobleme. Sie brauchen den Alkohol, um zu überleben, auch wenn sich das erst einmal paradox anhört. Ein kalter Entzug auf der Straße kann lebensbedrohlich sein. Ob und wieviel ich gebe, entscheide ich selbst und was der bettelnde Mensch mit dem Geld macht, sollte man ihm überlassen. Vielleicht kann ich es auch so sehen: Es handelt sich bei meiner Geldgabe um ein Geschenk, eine Spende. Spenden sind freiwillig und rechtlich nicht an eine Gegenleistung gebunden. Wenn ich kein Geld geben möchte, kann ich stattdessen den bettelnden Menschen fragen, was er brauchen könnte. Vielleicht einen Einwegrasierer, ein paar Socken, einen Schal oder neue Schuhe. Auch ein freundlicher Blick, ein Gruß oder ein paar Worte können eine Wertschätzung ausdrücken und mindestens so wertvoll sein wie eine rasch im Vorbeigehen achtlos abgelegte Münze. Ich habe auch die Möglichkeit, mich ehrenamtlich in einer Einrichtung für Arme oder Obdachlose zu engagieren. Wenn ich dem bettelnden Menschen direkt kein Geld geben möchte, kann ich stattdessen finanziell Vereine, Verbände und Einrichtungen unterstützen, die sich speziell für obdachlose und arme Menschen einsetzen. Diese sind häufig auf Spenden angewiesen. Neben zugewanderten Obdachlosen nimmt auch die Zahl anderer Bedürftiger zu, wie ältere Menschen, die in die Altersarmut gefallen sind.

Gibt es eine finanzielle Höhe oder Empfehlung, wieviel ich geben sollte?
Eine allgemeingültige Richtlinie gibt es da nicht. Papst Franziskus sagt, Almosen müssen wehtun. Die Frage ist eher, was kann ich mir von meinen Möglichkeiten her leisten und was mit meinem Gewissen vereinbaren. Meistens gebe ich so viel, dass es mir nicht weh tut. Fakt ist, die Menschen auf der Straße brauchen Hilfe. Ich darf mich daher fragen, ob ich nicht großherziger sein könnte in Anbetracht all dessen, wofür ich selbst sinnhafter wie sinnloser Weise Geld ausgebe. Bei einem bettelnden Menschen könnte ich in Menschlichkeit und Solidarität investieren. Keine schlechten Wertanlagen.

Sind Sachspenden in Form von Lebensmitteln oder Gutscheinen nicht sinnvoller?
Ein belegtes Brötchen oder ein Becher Kaffee mag aus meinem persönlichen Empfinden sinnvoller sein. Was aber, wenn es der zehnte Kaffee und das sechste Brötchen an diesem Tag ist, die der bettelnde Mensch geschenkt bekommt, und die deshalb im Müll landen? Auch ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich der bettelnde Mensch noch nicht einmal mit einem „Danke schön“ bei mir revanchiert, was mich wiederum vor den Kopf stößt und in mir den Eindruck der Undankbarkeit weckt. Die Vergabe von Gutscheinen führt nicht selten zu einer Bevormundung der bettelnden Menschen, denen ich das Recht abspreche, frei zu entscheiden. Notunterkünfte, Kleiderspenden oder warme Suppen sollen allen Notleidenden offen stehen, unabhängig von Herkunft, Nationalität oder dem Besitz eines Gutscheins.

Bettelnde Menschen sind selbst schuld an ihrer Situation. Sie sind nur zu faul etwas zu tun. Und davon abgesehen, muss bei uns keiner obdachlos sein.
Die große Mehrheit der Bevölkerung denkt, dass bettelnde Menschen selbst schuld an ihrer Situation sind. „Wenn ich paranoid und schizophren bin und noch fünf Promille im Blut habe, kann ich mir keine Schuldfrage mehr stellen“, wie es Dieter Puhl von der Berliner Bahnhofsmission einmal formulierte. Ein weiteres weit verbreitetes Vorurteil ist, dass in Deutschland keiner obdachlos sein muss. Theoretisch trifft das zu. Die Praxis sieht jedoch ganz anders aus. Kommunen sind verpflichtet, Schlafnotstellen und Wohnraum zur Vermeidung von Obdachlosigkeit zur Verfügung zu stellen. Doch diese allein lösen das Problem nicht. Sie sind eben nicht mehr als Schlafnotstellen und oftmals fehlt es an Wohnraum. Auch obdachlose Menschen haben Anspruch auf soziale Leistungen. Unzählige Menschen, die auf der Straße leben, haben weder Ausweis noch Geburtsurkunde. Ohne diese geht bei den Ämtern häufig gar nichts. Viele Menschen schaffen es nicht, sich neue Papiere zu beschaffen. Dafür brauchen sie bereits Unterstützung.

Warum neigen Menschen dazu, wegzuschauen, wenn sie bettelnde Menschen sehen?
Viele Menschen haben Angst, selbst einmal ein solches Schicksal zu erleben. Sie fühlen sich unsicher und hilflos, tabuisieren das Thema und schauen lieber weg, als sich der harten Realität zu stellen, sich mit der unangenehmen Kehrseite unserer Konsum- und Wohlstandsgesellschaft oder auch dem eigenen Tun auseinanderzusetzen: Wie viel trinke ich eigentlich täglich? Wer kümmert sich im Alter um mich, wenn ich dement bin? Lebe ich innerhalb meiner Verhältnisse? Zahlreiche Geschichten zeugen davon, wie schnell ein „Abstieg aus der Gesellschaft“ erfolgen kann. Keiner kommt obdachlos zur Welt. Meist sind es mehrere Schicksalsschläge, die zusammenkommen. Manches Mal reicht ein Moment aus, um eine ganze Kettenreaktion in Gang zu setzen: Jobverlust, Überschuldung, Trennung, Räumungsklagen, häusliche Gewalterfahrung in der Kinder- und Jugendzeit …

Ich habe das Gefühl, die Bettelnden werden immer mehr?
Man muss heute schon mit Blindheit geschlagen sein, wenn man keine Armut auf unseren Straßen wahrnehmen will. Gefühlt an jedem Bahnaufgang, jeder Hausecke und jedem Supermarkt, auf jedem Platz oder in jeder Grünfläche sehe ich mindestens einen Menschen, der auf der Straße lebt, Musik macht, eine Straßenzeitung verkauft, Flaschen sammelt und Geld will. Nicht zu sprechen von denen, denen ich es äußerlich nicht ansehe, dass sie in einer prekären Situation leben, wie ältere Menschen, die kaum von ihrer Rente leben können, dies jedoch aus Scham vor der Gesellschaft und sich selbst gegenüber nicht zugeben wollen. Nicht nur subjektiv, auch objektiv haben Obdachlosigkeit und Armut zugenommen. Seit 1. Januar 2014 gibt es zum Beispiel keine Arbeitsbeschränkungen mehr für Menschen aus den südosteuropäischen Ländern der EU. Aufgrund extremer Verarmung in diesen Ländern machen sich die Menschen auf den Weg, um in Deutschland Arbeit und ein Auskommen zu finden.

Ich fühle mich durch einen bettelnden Menschen belästigt. Was kann ich tun?
Ich muss mich nicht beschimpfen oder anpöbeln lassen. Fühle ich mich belästigt durch einen bettelnden Menschen, darf ich meine Ablehnung zeigen, indem ich das Gespräch beende oder „Nein“ sage. Habe ich das Gefühl, dass mir die Situation zu entgleiten droht, kann ich mich wie bei jeder anderen Form von grenzüberschreitendem Verhalten im öffentlichen Raum anderen Personen zuwenden und diese um Unterstützung bitten.

Ist Betteln überhaupt erlaubt?
Das Betteln ist in Deutschland nicht verboten und das „stille Betteln“ seit 1974 nicht mehr strafbar. „Aggressives“ Betteln allerdings kann in Deutschland als Nötigung eingestuft und geahndet werden. Werden falsche Lebensumstände wie Blindheit oder eine verlorene Geldbörse vorgetäuscht, gilt das als Betrug. Bei aggressivem Betteln kann ich Strafanzeige stellen. Zudem können Kommunen bandenmäßiges oder organisiertes Betteln untersagen.

Was ist mit organisierten Bettlerbanden? Gibt es die sogenannte „Bettelmafia“?
Dass die meisten Südosteuropäer(innen), die bei uns betteln, der Bettelmafia angehören oder von dieser gezwungen werden, ist ein Vorurteil. Für organisierte Bettelbanden oder die sogenannte Bettelmafia gibt es in Deutschland genauso wenig polizeiliche Belege wie für die weit verbreitete Anschuldigung des „Sozialtourismus“. Es handelt sich allenfalls um Einzelfälle. Die Menschen aus Südosteuropa betteln aus Eigeninteresse, weil sie keine Arbeit in ihrer Heimat finden. Sie sind auf das Betteln als Einkommen für ihre Familien angewiesen. Einzig die bittere Armut und die Ausweglosigkeit in ihrem Heimatland zwingen sie dazu. Ihre starke Familien- und Gruppensolidarität führt dazu, dass sie sich gemeinsam auf die Reise machen, gemeinsam wohnen und das Betteln gemeinsam organisieren. Die Gleichsetzung von „organisiert“ mit „kriminell“ ist nicht haltbar. Auch gehören Porsche, Maserati oder Mercedes nicht zu den Fortbewegungsmitteln von Bettler(inne)n; eher der Einkaufswagen oder das Fahrrad. Wenn ich zehn Menschen etwas spende und darunter ist einer kriminell, kann ich mit dieser Quote vielleicht ganz gut leben. Es wird immer Menschen geben, die Argumente suchen, warum sie nicht helfen brauchen. Und mal ehrlich: Sieht die bei Wind und Wetter auf der Domplatte sitzende Bettlerin osteuropäischen Einschlags im offenbar erbarmungswürdigen Zustand, mit dem Becher in der Hand und dem nach unten gerichteten Blick, wie eine Gewinnerin aus?

Ist die Not der bettelnden Menschen echt?
Südosteuropäer(innen) haben in Deutschland keinen Zugang zu Sozialleistungen und nur eingeschränkte Arbeitsmöglichkeiten. Ihnen bleibt nur das Betteln, um ihr Überleben zu sichern und ihre Familien in der Heimat zu unterstützen. Für jeden bettelnden Menschen gilt: Keiner lebt ohne Grund auf der Straße. Sie können für mich nachvollziehbar sein oder nicht. Es gibt immer Gründe, warum Menschen betteln oder auf der Straße leben. Auch bettelt keiner freiwillig. Das Leben eines Bettlers ist nicht leicht. Viele sind krank und werden von Passanten beschimpft.

Reichen nicht Verbote und Platzverweise, um sich des Problems der bettelnden Menschen zu entledigen?
Nein. Das löst nicht im Ansatz das Problem. Es verlagert es allenfalls. Obdachlose vermeiden solche Gängelungen. Sie wandern weiter oder tauchen an anderer Stelle wieder auf. Heute haben wir in unserer Gesellschaft kaum noch Platz für diejenigen, die wir aussortiert haben. Das Thema gehört sozialpolitisch in die Mitte unserer Gesellschaft, nicht an den Rand und schon gar nicht außerhalb. Menschen müssen unabhängig von ihrer Herkunft Zugang zu Wohnen, Bildung und Gesundheit haben. Oberstes Ziel sollten menschenwürdige Lebensbedingungen und Chancengleichheit für alle Menschen in unserer Gesellschaft sein.

Müssen Menschen bei uns auf der Straße leben? Es gibt doch Einrichtungen?
Lange hieß es, dass in Deutschland kein Mensch auf der Straße leben muss. Die Kommunen sind verpflichtet, bei (drohender) Obdachlosigkeit eine Unterkunft zur Verfügung zu stellen. Da Wohnraum allgemein knapp ist, kann nicht in jedem Fall eine Wohnung angeboten werden. Dann ist es nicht selten die Einfachpension mit einer Vier-Mann-Belegung auf einem Zimmer. Das ist nicht für jede(n) das Wahre. Es gibt zahlreiche Kontakt- und Beratungsstellen für Menschen, die auf der Straße leben. Das Angebot reicht vom Obdachlosenfrühstück, über mobile medizinische Dienste und Suppenküchen bis hin zu Jobs in Beschäftigungsprojekten, auch wenn diese aufgrund veränderter Förderbedingungen gerade für langzeitarbeitslose Menschen abnehmen. Und am Ende hat jede(r) das Recht, so zu leben, wie sie oder er es will, auch wenn es sich dabei um die Straße handelt. Der Weg zurück in die vermeintliche Normalität ist für viele Menschen, die seit Jahren auf der Straße leben und nicht selten psychisch krank sind, schwierig. Ich muss mich auch damit abfinden, dass es Menschen gibt, denen ich überhaupt nicht helfen kann, weil sie es ablehnen. Die keine Wohnung mehr wollen. Die ihr soziales Umfeld nicht verlassen möchten. Die beengte Räume und Regeln des nachbarschaftlichen Zusammenlebens nicht mehr ertragen können. Und dennoch gehören sie zu unserer Gesellschaft.

Wie kann in Deutschland überhaupt jemand arm sein? Wir haben doch fast Vollbeschäftigung?
Wer Vollzeit arbeitet, sollte in der Lage sein, von seinem Lohn zu leben und sich und seine Familie zu versorgen. Die Zahl der von Erwerbsarmut betroffenen Menschen in Deutschland liegt aktuell bei 9,6 Prozent und hat sich innerhalb von zehn Jahren verdoppelt. Von Erwerbsarmut spricht man, wenn eine erwerbstätige Person in einem Haushalt mit einem verfügbaren Einkommen unterhalb der Armutsgrenze lebt (60 Prozent des Medianeinkommens). Für Deutschland bedeutet das weniger als 869 Euro pro Monat für Alleinstehende. Trotz Beschäftigtenbooms und prognostiziertem Wirtschaftswachstum müssen immer mehr Arbeitnehmer(innen) weitere Jobs annehmen. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung kommt zu dem Ergebnis: „Mehr Arbeit ist offenbar keine Garantie für weniger Armut. Der Beschäftigungsaufwuchs in Deutschland beruht zu einem großen Teil auf dem Anwachsen der Teilzeitstellen, anderer atypischer Beschäftigungsverhältnisse sowie des Niedriglohnsektors insgesamt.“ Befördert wird dies zudem durch den seit Einführung von Hartz IV gestiegenen Druck auf Arbeitslose, jede ihnen angebotene Stelle anzunehmen. „Maßnahmen, die Arbeitslose dazu zwingen, Jobs mit schlechter Bezahlung oder niedrigerem Stundenumfang anzunehmen, können dazu führen, dass Erwerbsarmut steigt, weil aus armen Haushalten von Arbeitslosen arme Haushalte von Erwerbstätigen werden“, wie es in der Studie weiter heißt.

Wenn ich Arbeit haben will, finde ich auch welche!
Jede(r), die oder der schon einmal in dieser Situation für kürzere oder längere Zeit war, weiß wie ehrverletzend und diffamierend dieser Satz ist und wie wenig er zutrifft. Die Aussage lässt sich auch umdrehen: „Wenn es allen Arbeitslosen viel zu gut geht, warum wollen dann nicht alle arbeitslos sein?“ Das Zerstörerische solcher Vorurteile ist, dass sie eine eigene Art von Realität schaffen. Sie bilden den Boden für eine Stimmung, die dem Arbeitslosen selbst die Schuld für seine Arbeitslosigkeit zuschiebt. Damit schwindet das Bewusstsein der politischen Verantwortung für die Steuerung der strukturellen Rahmenbedingungen und das Bewusstsein der solidarischen Verantwortung für die Menschen, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Heute wird nur noch jede(r) elfte Hartz IV-Empfänger(in) mit einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme gefördert. Dabei wurden die Arbeitsgelegenheiten vor mehr als zehn Jahren eigens als Instrument für arbeitsmarktferne Menschen ins Leben gerufen. In der Praxis wird das Instrument zunehmend ausgehöhlt und die knapper werdenden Mittel in sogenannte integrationsnähere Instrumente umgesteuert. Für Menschen, die mehr als ein Jahr arbeitslos sind, bei denen nicht selten multiple Vermittlungshemmnisse vorliegen und die (wieder) an einen Arbeitsrhythmus gewöhnt werden müssen, sind flexiblere und individuellere Beschäftigungsmaßnahmen unabdingbar.

Um Armutsmigration zu verhindern, sollte man nicht lieber vor Ort helfen?
Um die Situation der Menschen in ihren Heimatländern nachhaltig zu verbessern, braucht es Maßnahmen auf EU-Ebene. Bis sich die EU einig wird und die Maßnahmen zum Tragen kommen, wird es noch Jahre dauern. Europa immer weiter abzuriegeln und nationale Grenzzäune zu ziehen, sind keine Lösungen. Wir müssen die Menschen vor Ort unterstützen. Das können wir nur gemeinsam als Gesellschaft und im solidarischen Miteinander. Es braucht eine unaufgeregte und differenzierte Sprache und die Bereitschaft, miteinander ins Gespräch zu kommen und dem anderen zuzuhören.

Den kompletten Caritas-Leitfaden im Umgang mit Betteln und Armut finden Sie hier: Caritas-Leitfaden

Zuletzt aktualisiert am . | Beitrag erstellt von  | Bild-Quellen: SAT.1 NRW,

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