„Es war ein Leben für Ungeziefer“

Zeitzeugin spricht über KZ Auschwitz

Hedy Bohm kam mit ihrer Familie in das KZ Auschwitz, in dem der heute verurteilte Reinhold Hanning Wachmann war. Sie ging alleine.

"Es war ein Leben für Ungeziefer" (Foto: SAT.1 NRW)

 Bild: SAT.1 NRW,

Hedy Bohm ist 16, als sie zusammen mit ihren Eltern ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert wird. Das Lager in dem Reinhold Hanning, der heute zu 5 Jahren Haft verurteilt wurde, als Aufseher arbeitet. Bei der Ankunft wird sie von ihrer Familie getrennt. Dass sie ihre Eltern nie wieder sehen soll, weiß sie da nicht.

Es war ein Leben für Untermenschen. Nicht mal für Menschen. Für Wesen die nicht gezählt haben. Für Ungeziefer.

Hedy Bohm darf arbeiten. Der einzige Gedanke, der ihr in dieser Zeit Kraft gibt und sie überleben lässt, ist der, dass ihre Mutter noch lebt. Drei Monate kämpft sie um jeden Tag. Doch sie muss zusehen, wie die anderen um sie herum immer schwächer werden. Auch ihre Schulfreundin Madusz.

Sie sagte: Erinnerst du dich an meinen Freund? Ich sagte, ja ich denke schon. Sie sagte: Hedy, wenn du nach Hause kommst, musst du ihn finden und ihm sagen, wie sehr ich ihn geliebt habe. Ich sagte: Warum sagst du mir das? Du kommst nach Hause und sagst es ihm selbst. Und sie hat mich nur angesehen und gesagt: Ich weiß, dass ich nicht nach Hause komme. Ich werde es nicht schaffen. Aber du wirst es schaffen… Und sie hatte Recht.

Kurz darauf wird Hedy Bohm zur Arbeit in einer Fabrik aus dem Lager gebracht. 1945 wurde sie befreit. Doch mit der Freiheit kommt auch die Gewissheit, dass ihre Eltern direkt vergast wurden.

Sie wurden umgebracht, direkt nach unserer Ankunft im Lager… Ich bin eine friedliche Person. Aber an diesem Punkt hätte ich töten können.

Als Nebenklägerin sagt sie im Prozess gegen den Ex-Wachmann Reinhold Hanning aus. Sie fordert ihn sogar auf, ihr in die Augen zu sehen:

Körperlich war er da. Aber er schien trotzdem abwesend. Und ich wollte, dass er weiß, was passiert. Dass ihm das alles bewusst ist.

Denn Hedy Bohm will gehört werden. Sie will keine Rache. Sie will Gerechtigkeit.

70 Jahre lang hat dieser Mann, der bei diesen Verbrechen geholfen hat, ein friedliches und erfolgreiches Leben geführt. Würden Sie nicht wollen, dass er zur Rechenschaft gezogen wird? Oder zumindest zu dem steht, was er getan hat?

Heute wurde er für Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen verurteilt. Mit 94 Jahren muss er für 5 Jahre ins Gefängnis. Für Hedy und die anderen noch lebenden Zeitzeugen ein wichtiges, wenn auch viel zu spätes Zeichen für Gerechtigkeit.

Schlagwörter: Auschwitz, Befreiung, Birkenau, Freiheit, Gerechtigkeit, Gerichtsprozess, Gerichtsurteil, Geschichte, Konzentrationslager, Nationalsozialismus, Schutzstaffel, Ungeziefer, Wachmann, Zeitgeschehen, Zeitzeugin, Überleben

Dieser Beitrag ist in der Sendung vom 17.06.2016 erschienen. Das zugehörige Video ist am Tag der Sendung ab ca. 19:00 verfügbar.

Zuletzt aktualisiert am . | Beitrag erstellt von  | Bild-Quellen: SAT.1 NRW,

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