Mutter schreibt Wutbrief

Ärger über Lehrmethoden an unseren Schulen

Die Worte von Isa Becker aus Iserlohn werden auf Facebook tausendfach geteilt. Sie regt sich tierisch darüber auf, wie unsere Kinder das Schreiben lernen.

 Ein echter Aufreger! Mehr dazu: 17:30 SAT.1 NRW.
Mutter schreibt Wutbrief (Foto: SAT.1 NRW)

 Bild: SAT.1 NRW,

„ch hap dij lip“  – Diesen Zettel hat Iris Becker aus Iserlohn von ihrem Sohn bekommen. Mit viel Phantasie erkennt man, was der Erstklässler sagen wollte: „Ich hab dich lieb“. Schöne Worte, die seine Mutter aber auch sauer machen. Wütend schreibt sie sich ihren Frust über den Deutschunterricht an unseren Schulen von der Seele. „Schreiben nach Gehör“ bezeichnet die Lernmethode, bei der die Grundschulkinder so schreiben sollen, wie sie denken. Erst in höheren Klassen wird den Kindern dann die Rechtschreibung beigebracht. Damit sollen die Schüler schneller Zugang zur Sprache bekommen. Doch das System ist umstritten. Deshalb bekommt der Wutbrief von Iris Becker auf Facebook auch so viel Zuspruch. Hier sehen Sie die Worte der Mutter in voller Länge:

Liebe Erfinder von „Schreiben lernen nach Gehör“,

heute möchte ich mal DANKE sagen. Danke für diese großartige Idee, die Kinder erstmal nach Gehör die Buchstaben malen zu lassen. Sie lernen so schneller lesen – das stimmt wohl. Und irgendwie schreiben sie auch schneller. Wenn man das schreiben nennen kann…
Sie sollen Freude beim Lernen haben. Das leuchtet ein.
Nun verhält es sich so: Ich habe einen Sohn, der jetzt die dritte Klasse besucht. Er ist mit Freude in die Schule gestartet und hat mit Freude und mit Hingabe in den ersten Wochen Buchstaben gemalt und nach seinem Gehör Worte daraus geformt. Wir lobten den Fata und die Muta. Wir hatten Tränen in den Augen, wenn wir kleine Briefchen bekamen, auf denen stand: ch hap dij lip – vor Rührung ja, aber auch ein bisschen, weil sich die Fußnägel nach oben rollten angesichts der neuen Wortschöpfungen. Bitte berichtigen Sie das Kind nicht, das nimmt ihm die Freude und die Motivation beim Lernen, so hieß damals unser Arbeitsauftrag. Also versuchten wir anders zu unterstützen. Wir sprachen bei den Hausaufgaben laaangsam und deutlich und versuchten so, jeden Buchstaben hörbar zu machen. Das funktionierte mal mehr mal weniger, manchmal sorgte es für Erheiterung beim Schreiben, manchmal aber auch für genervtes Augenrollen, wenn man ein Wort dann auch klatschen musste, um die Doppel-Konsonanten auch noch deutlich zu machen.
Liebe Erfinder, habt ihr euch schon mal gefragt, warum ein „stummes h“ – „stummes h“ heißt?
Richtig – weil man es NICHT hört. Auch nicht, wenn man noch so deutlich spricht. Ich habe das Wort „Zahnarzt“ mal durch die Küche getanzt, von der Tür bis zum Herd, um meinem Sohn zu zeigen, dass das „a“ ja ganz furchtbar lang gesprochen wird. Verbessern durfte ich ihn ja nicht. Er freute sich darüber, dass seine Mutter ganz offensichtlich den Verstand verloren hatte und schrieb „Zaanartz“. Großartig.
Wie bereits erwähnt, ist mein fröhlicher Schreibanfänger nun in der dritten Klasse und verzweifelt suchen wir inzwischen die Freude und die Motivation beim Schreiben. Selbstverständlich, nachdem alle Buchstaben ordentlich gemalt werden konnten, fing die Lehrerin an, gewisse Regeln zu lehren. Ein Duden musste angeschafft werden, jedes Kind hat eine Box für Lernkarten – die sogenannte „Wörterklinik“. Die Kinder müssen regelmäßig Texte abschreiben, es gibt seitenweise Lernwörter, die geübt werden müssen. Die Lehrerin ist da auch sehr konsequent, ich denke, sie ist eine gute Lehrerin. Was leider kaum zu verhindern ist, ist, dass sich viele Wörter einfach eingeprägt haben, und zwar so, wie sie von Anfang an geschrieben wurden – nämlich falsch. Und was damals noch Freude machte, bringt heute schlechte Noten und Zorn, Unlust und fliegende
Bleistifte.
Heute kam mein Sohn mit einem Diktat nach Hause. Für diese Lernzielkontrolle hatte er Lernwörter zum Üben gehabt. Ein ganzes Wochenende hat er sich damit Mühe gemacht, diese vielen Lernwörter mehrmals abgeschrieben und mit zwischendurch immer mal wieder buchstabiert. Heute gab es das Diktat zurück. Ich sage mal freundlich – da ist noch Luft nach oben. Die Lernwörter, die er geübt hatte, waren gar nicht so sehr das Problem, sondern alle anderen. Und es ist für mich so logisch. Wenn ich schnell etwas nieder schreiben muss, dann schreibe ich einfach drauf los – so wie ich es gelernt habe. Ich denke gar nicht darüber nach, wie die Worte geschrieben werden müssen, ich rufe es einfach ab. Vermutlich machen viele Kinder das heute auch so.
Ich danke euch also, liebe Erfinder dieser Methode, für ein erstes Schuljahr voller Freude, für einen getanzten Zahnarzt, für fliegende Bleistifte, stampfende Kinderfüße und kindliche Verzweiflung, wenn wieder ausradiert wird – „Ich lerne das nie!“
Mein Kind hat heute dann weinend die Berichtigung der Lernzielkontrolle geschrieben und ich habe im Internet ein Übungsbuch bestellt – 100 Diktate.

Zuletzt aktualisiert am . | Beitrag erstellt von  | Bild-Quellen: SAT.1 NRW,

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