Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen

Auschwitz-Prozess gegen 94-Jährigen in Detmold gestartet

Der Angeklagte war zwischen 1943 und 1944 Wachmann im Konzentrationslager in Auschwitz. Für viele kommt der Prozess 50 Jahre zu spät.

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Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen (Foto: Sat.1 NRW)

Der Angeklagte muss sich wegen Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen verantworten.Bild: Sat.1 NRW,

Auch nach über 70 Jahren ist die Aufarbeitung der Verbrechen der Nationalsozialisten noch nicht abgeschlossenen. Vor dem Landgericht in Detmold hat heute der Prozess gegen einen 94-jährigen ehemaligen KZ-Wachmann begonnen. Der 94-jährige Angeklagte war zwischen 1943 und 1944 Wächter im Konzentrationslager in Auschwitz. In dieser Zeit wurden dort 170.000 Menschen umgebracht. Deshalb muss er sich jetzt wegen Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen verantworten.

Angeklagter will nicht an Tötungshandlungen beteiligt gewesen sein

Der Angeklagte gibt zu, dass er sich freiwillig bei der SS gemeldet hat und als 20-Jähriger in Auschwitz eingesetzt wurde. Allerdings bestreitet er, selbst an Tötungsaktionen beteiligt gewesen zu sein. Laut Anklage soll er jedoch Lagerinsassen bewacht haben, bei der „Selektion“ von neuankommenden Gefangenen mitgewirkt haben und sie auch zur Gaskammer eskortiert haben.

Holocaust-Überlebende als Nebenkläger im Gericht

Der Prozess sorgt international für Aufsehen: In Detmold sind Pressevertreter aus der ganzen Welt. Auch Holocaust-Überlebende verfolgen die Verhandlung im Gerichtssaal und treten auch als Nebenkläger auf. Für viele ist die Verhandlung längst überfällig, aber sie hoffen noch auf späte Gerechtigkeit. Zum Verhandlungsort kam auch die als Holocaust-Leugnerin verurteilte Rechtsextreme Ursula Haverbeck. Die 87-Jährige wurde von Anwesenden bedrängt und musste von der Polizei geschützt werden. Haverbeck ging nicht in das Gebäude, sondern verließ den Ort in einem Auto.

Geänderte Rechtsauslegung machen Auschwitz-Prozesse möglich

Grund für das späte Gerichtsverfahren ist eine geänderte Rechtsauslegung. Durch sie sind seit einigen Jahren die Hürden für Verurteilungen wegen Beihilfe zu NS-Verbrechen gesunken. Vorher mussten den Beschuldigten eine konkrete Beteiligung an einer konkreten Tötungshandlung nachgewiesen werden. Im Moment stehen noch zwei weitere Prozesse dieser Art an. Dass es danach noch weitere Auschwitz-Prozesse gibt, gilt als unwahrscheinlich. Im vergangenen Jahr war bereits ein anderer Auschwitz-Wachmann am Landgericht Lüneburg in Niedersachsen wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300 000 Fällen zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Das Urteil gegen den «Buchhalter von Auschwitz» ist noch nicht rechtskräftig. Der Bundesgerichtshof muss noch über die Revision entscheiden.

Zuletzt aktualisiert am . | Beitrag erstellt von  | Bild-Quellen: Sat.1 NRW,

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