Scharfe Kritik an OB Reker und Polizei

"So kann die Polizei nicht arbeiten", meint Bundesinnenminister

Der Bundesinnenminister findet ungewöhnlich deutliche Worte für den Einsatz der Kölner Beamten in der Silvesternacht. Auch die Oberbürgermeisterin erntet Kritik

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Die Kölner Polizei und die Stadtspitze geraten nach den sexuellen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht immer mehr in die Kritik. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) bemängelte in den ARD-«Tagesthemen» den Einsatz der Kölner Beamten: «Da wird der Platz geräumt – und später finden diese Ereignisse statt, und man wartet auf Anzeigen. So kann die Polizei nicht arbeiten.» Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) zog mit ihren Verhaltensempfehlung an Frauen Spott im Internet auf sich.

«Es ist immer eine Möglichkeit, eine gewisse Distanz zu halten, die weiter als eine Armlänge betrifft», hatte Reker bei einer Pressekonferenz auf die Frage geantwortet, wie man sich als Frau besser schützen könne. Unter dem Hashtag #einearmlaenge häuften sich daraufhin spöttische Kommentare. «Ich könnte platzen! Bekommen Frauen jetzt eine Mitschuld, wenn sie sich nicht an die Verhaltensregeln halten?», schrieb ein Nutzer.

Nach Polizeiangaben hatten sich am Silvesterabend etwa 1000 Männer auf dem Bahnhofsvorplatz versammelt und mit Feuerwerkskörpern um sich geworfen. Als die Polizei einschritt, bildeten sich viele kleinere Gruppen. Danach sollen Frauen im Getümmel umzingelt, sexuell bedrängt und ausgeraubt worden sein, fast 100 Strafanzeigen gingen bis Dienstagabend ein. Neuere Zahlen wollte die Polizei im Laufe des Mittwochs nennen. Zum Teil gehe es um sexuelle Übergriffe, zum Teil um Diebstähle, zum Teil um beides. Zwei Drittel der Opfer seien nicht aus Köln.

Über die Täter weiß die Polizei noch nicht viel – nach Angaben von Augenzeugen und Opfern seien sie dem Aussehen nach größtenteils nordafrikanischer oder arabischer Herkunft. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) warnte vor Pauschalurteilen über Flüchtlinge. «Wenn Asylbewerber unter den Tätern waren, ist das noch lange kein Grund, alle Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen», sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Die Kölner Polizeispitze gestand ein, am Neujahrsmorgen falsch über die Ereignisse der Nacht berichtet zu haben. In einer Erklärung hatte sie die Lage zunächst als recht entspannt beschrieben und sich selbst gelobt. Kritik am Einsatz wies sie allerdings zurück. «Wir waren nicht überfordert», sagte Polizeipräsident Wolfgang Albers. Das ganze Ausmaß der Vorfälle sei erst später klar geworden. Am Dienstagabend protestierten etwa 250 bis 300 Menschen in Köln gegen die Übergriffe.

Auch in Hamburg kam es an Silvester zu sexuellen Übergriffen. Auf der Reeperbahn wurden Frauen nach Polizeiangaben jeweils von mehreren Männern umringt und an der Brust oder im Intimbereich begrapscht. Die Art des Vorgehens sei für Hamburg neu, sagte Polizeisprecher Holger Vehren.

Aus Sicht des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) handelt es sich bei den Übergriffen auf Frauen in Köln um eine längst bekannte Masche. «Wer von einer neuen Dimension organisierter Kriminalität spricht, der irrt – oder es fehlen ihm kriminalistische und kriminologische Erkenntnisse», sagte der Bundesvorsitzende des Berufsverbands, André Schulz, dem «Handelsblatt». (dpa)

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